Buchtipp

Brigitta Falkners philosophischer Spass

Dass Comics ohne Text wunderbar auskommen können, ist durchaus geläufig. Weniger bekannt sind Comics ohne Bilder: Brigitte Falkners „AU! Die methodische Schraube“ lässt sich als ein solcher bilderloser Comic und aufgrund seiner ästhetischen Stringenz als ein Meisterwerk seiner Art bezeichnen. Falkner orchestriert ihren Text gemäß den formalen Gesetzen des Comics in Panels, so dass sich die Geschichte „Spalt um Spalt“ zusammensetzt. Oder/und sich Fuge um Fuge zu einer Vielfalt an wuchernden Bedeutungen fragmentiert. Es ist gerade der Spalt, der Freiraum zwischen den Bildkästchen, der in der Comicanalyse einen zentralen Raum einnimmt. Und diese eigentümliche „Alchimie“ zwischen den Panels wird von der Autorin nach allen Regeln der Neunten Kunst genutzt. In dem Band finden sich noch weitere Bild-Text-Geschichten („Prinzip i“, „autoreverse“, „Schmutzige Tricks“), die je unterschiedlich eine Nähe zu Comic und Film unterhalten. Zugleich bewegt sich die Autorin in einer Reihe streng geregelter Genres wie Lipogramme, Palindrome, Anagramme etc. Auch „AU! Die methodische Schraube“ ist ein solches Lipogramm, das definitionsgemäß einem bestimmten „Lautaussparungsgrundsatz“ gehorcht und sich auf bestimmte Laute, in diesem Fall auf A und U, beschränkt. Karl, Ruth und Paul heißen entsprechend die Protagonisten der Dreiecksgeschichte, um die sich der Plot dreht. Die Beziehungsgeschichte spielt außerdem auf einen Klassiker der Comicsgeschichte an: George Herrimans „Krazy Kat“ ist nicht nur Karls Lieblingscomic, Falkners Protagonisten schlüpfen selbst kurzzeitig in die Rollen von Herrimans surrealen Hauptdarstellern, von der/dem androgynen Kratzy Kat, dem Mäuserich Ignatz Mouse und dem Hund Bull Pupp. Neben dieser Hommage an einen der innovativsten Comiczeichner aus der Frühzeit des Comics finden sich zahlreiche weitere Zitate und Anspielungen auf Comics und Comic-Theorie. Einzigartig jedoch ist Falkners Art und Weise, wie sie formale Elemente des Comics zum Thema macht und durch ihren Gebrauch der Sprache implizit eine Theorie und Ästhetik der Comicsprache entwirft. Gänzlich bilderlos (abgesehen von drei Bildzitaten) ist die Panel-Text-Geschichte dann doch nicht: Es ist die Schrift selbst, die hier als Schriftbild fungiert. Und so kommt denn auch die ganze Palette der grafischen und typografischen Effekte, gleichsam das Alphabet der ComiczeichnerIn, „WARRRUMMM!“ / „FZZZZZAMM!“ / „RAWUSCH!“ zum Einsatz (Schriftgradwechsel, Fett-, Kursiv-, Gesperrtschreibung), nebst Interjektionen und Onomatopöien. Aus dem Uralthut der sprachverarmten Comics zaubert Falkner „ratzfatz“ ein Schauspiel methodisch verschraubter Sprachkunststücke („... Schmalspurkurpfusch...“, „Suhrkampbuchumschlagfarbskala“). Virtuos beherrscht die Autorin den „Quatsch zum Quadrat!“, führt den Schund, mit dem das Medium Comic bis vor kurzem noch assoziiert wurde, mit surrealistisch-dadaistischen Mitteln dekonstruktiv und höchst unterhaltsam, je nachdem, „huschpfusch“ ad absurdum oder ad parnassum.
– Martin Reiterer, readme.cc