Ein Herz für Hausstaubmilben

Brigitta Falkners „Strategien der Wirtsfindung“ studiert den Parasiten

Die Schriftstellerin und Grafikerin Brigitta Falkner hat mit Strategien der Wirtsfindung ein Buch geschrieben, gezeichnet und zusammengestellt, das seinesgleichen sucht. In Anlehnung an die ästhetische Aufmachung der Graphic Novel ist eine höchst ansprechende Wissenssammlung über ebenso alltägliche wie außergewöhnliche Lebewesen (oder besser: Lebensformen) entstanden, die eines eint: Sie alle betreiben spezielle „Strategien der Wirtsfindung“, da sie ihr Leben als Parasiten bestreiten. Zu Beginn erwarten den Leser Zeichnungen militärisch aufgestellter Hausstaubmilben und man versteht schnell, dass man den Bewohnern dieses Buches im eigenen Alltag kaum entgehen kann, ganz egal, wie man sich auch um Hygiene bemühen mag  – die Parasiten sind längst da. Besonders gern siedeln sie sich dort an, wo wir uns am sichersten und ungestört fühlen: zu Hause, im Schlafzimmer, im Bett. Und so sehen wir nach der Lektüre von Falkners Naturstudie selbst den scharfen Knick im Kopfkissen mit einem Mal in einem ganz anderen Licht. Falkners Erkundung parasitären Lebens und die damit verbundenen Einblicke in seltsame bis erschütternde, erstaunliche und hochkomplexe Eigenarten von Tieren und Pflanzen, die sich von ihrem Wirt ernähren, ist ein Vergnügen fürs Auge. Die beinahe ausschließlich Schwarz-Weiß gehaltene Ausstattung des Buches transportiert einen immensen Fundus an historischen, philosophischen und literarischen Texten über die Entdeckung und Beschreibung von Parasiten. Falkners besonderes Verdienst ist es, dass sie die bisher unsichtbaren Vorgänge und exotischen Phänomene ebenso sichtbar macht, wie beispielsweise schwer zu durchschauende Täuschungen, Selbstparasitismus oder unwahrscheinliche Wiederauferstehungen. Neben der Beschreibung von Halbschmarotzern und Vollparasiten erschafft die Autorin so mit ihren Texten und Bildern eine ganz eigene „Ästhetik des Häßlichen“, die so schön und lehrreich anzuschauen ist, dass man den die Lektüre zeitweise begleitenden Juckreiz gern in Kauf nimmt.
– Simone Sauer-Kretschmer, Literaturkritik (1/2018)