Tagtigall – Fagissess!

Von Fritz Mauthner stammt der Satz, Sprache sei zwar zur Kommunikation geeignet, jedoch nicht zur Erkenntnis von Wahrheit oder Wirklichkeit; mit Namen und Gestalten lerne der Mensch nur den "Schleier der Maya" kennen. Dass Sprache mehr verschleiert als sie enthüllt, dürfte als sicher gelten. In der Dichtkunst nun wird die Sprache aufgebrochen und der Schleier gerät in Bewegung. So bei Brigitta Falkners "Strategien der Wirtsfindung", in diesem Herbst bei Matthes & Seitz Berlin erschienen. Ausgangspunkt ist ein Naturphänomen, das jeder kennt: die Parasiten - Wesen, die dadurch leben, dass sie sich Fremde als Wirte erwählen, sich in sie hineinfressen, ohne Rücksicht darauf, dass sie diese in den Ruin wirtschaften. Staubläuse treiben ihr Wesen in Folianten, die CYMOTOHOA EXIGUA krallt sich an eine Fischzunge, Zecken saugen sich fest und fett, Blattläuse fressen die Bäume kahl und Flechtenbären attackieren Fledermäuse, während, wie die Autorin schreibt, die Varoamilbe, VARROA DESTRUCTOR genannt, "arglose Larven befällt / und in der Nektar / schlürfenden Welt / der Bienen Einzug hält". Tatsächlich scheint nicht selten Arglist im Spiel. Es geht um Attacken, Überwältigungen, feindliche Übernahmen. Eigentlich will Mensch das alles nicht so und nicht so genau wissen, doch Falkner hält drauf und umhüllt den mörderischer Prozess mit der Sanftheit und Schönheit des Klangs, hier: "befällt", "Welt" und "hält". Der aufs Präziseste komponierte Band, in 12 Kapitel unterteilt, lebt aus Beobachtung und Wissenssuche. Der Schmarotzer an sich ist abstoßend, die Autorin eine Parasiten-Papparazza? Ein Stalkerin, die im Dschungel der Natur Ortskunde betreibt. "Der erfolgreiche Endoparasit trägt Tarnkleidung aus wirtseigenem Gewebe", lautet eine der Überschriften; es folgt: Die Larve des Fächerflüglers Stichotrema Dalatorreanum dringt in den Körper der Laubheuschrecke Segestidea Novaeguineae, indem sie fortgesetzt mit dem Kopf gegen die Außenhülle ihres Opfers schlägt. .... Von der wirtseigenen Epidermis umhüllt ... dringt der Parasit, vom Immunsystem seines Wirtes nicht als Eindringling erkannt, immer tiefer ins Innere der Laubheuschrecke vor. Wie Voyeure umstellen die Worte die Grausamkeiten. Ausufernde Substantiv-Reihungen inszenieren die Artenvielfalt, bewegte Verben (durchdringen, hervorschnellen, auftauchen, entschlüpfen) geben der permanenten Mutation der Natur sprachliche Gestalt. Getragen werden die Texte durch die präzise infiltrierten lateinischen Bezeichnungen, die uns die Prozesse durch (reale wie fiktive) wissenschaftliche Exaktheit vom Leibe halten. Im Stil eines Graphic-Novel hat Falkner die Texte in Zeichnungen gebettet; diese setzen Verstellung und Überwältigung ins Bild: in den Fängen von Winden und anderen wuchernden Strukturen erkennt man Echsen und Schnecken, aber auch Konservendosen und Jeans. Was genau ist heute alles von feindlicher Übernahme bedroht? "Strategien der Wirtsfindung" ist große Lyrik: hochkomplex und hochaktuell. Ein subversives Spiel - Komposition und Kontamination - das sich als Naturkunde tarnt. Zwischen die eigenen Texte hat Falkner Zitate eingefügt: Goethe, Jahn, Lamarck, Adorno wie Schreber. Auch Mauthners Satz, es gelte, aus der Wissenschaft die latenten metaphysischen Grundlagen zu eliminieren, findet sich und nistet sich in uns ein. Irgendwann ist klar: nicht nur Bienen oder Laubheuschrecken sind als Spezie bedroht, sondern offensichtlich auch Gedanken und Text - und das schreibende Ich:

Bevor ich verschwand,
wie die Milbe,
die im Sog der Saugkraft
den Weg ins Saugrohr
der Gerätschaft fand;
bevor ich verstummte
und kein Wort mehr,
keine gereimte Silbe
über die Belange
der Milbe verlor,
saß ich abseits der Menge
fern dem Gedränge
im Teppichflor
und las Die Gesänge
des Maldoror.

Mit "Maldoror" schwingen Lautréamonts grausame Verse von der "Sonne des Bösen" hinein. Falkners Sprache ist allen Wirklichkeiten zugewandt. Schließlich ist Abschottung keine Lösung. Nirgends. Was vermag die Schönheit? Schließlich gibt es auch die Schönheit der Parasiten, weshalb Falkner nicht von ungefähr daran erinnert, dass die weichen Epithelzellen der Muscheln durch Eindringlinge animiert werden, Perlen zu bilden.
– Marie Luise Knott, Perlentaucher (12/2017)